Schluss mit dem Zirkus!
Ex-Weltmeister Viswanathan Anand fordert klare Verhältnisse
an der Spitze des Schachs
Ex-Weltmeister Viswanathan Anand hat im vergangenen
Jahr herausragende Erfolge gefeiert. Mit Ausnahme des Schach-Turniers
in Linares (Spanien) gewann der 33-Jährige alle Wettbewerbe, an
denen er teilnahm. Lohn seiner Siege: In Indien wurde der populäre
„Tiger von Madras“ erneut zum Sportler des Jahres gewählt.
Nur die Rückkehr auf den WM-Thron bleibt dem besten Bundesliga-Spieler
der vergangenen Saison, der für den SC Baden-Oos ans Brett geht,
verwehrt. Hartmut Metz sprach mit Anand über die Krise des Spitzenschachs
und sein anstehendes Turnier in Mainz (13. bis 17. August).
Frage: Herr Anand, Sie äußerten Ihr
Bedauern, dass die „Politik den Schachsport in seinen Klauen hält“.
Anand: Soweit ich mich erinnere, gehört Politik seit 1993 zum Schach.
Ich hoffe, dass darunter endlich mal ein Schlussstrich gezogen werden
kann. Das Spiel leidet wirklich unter dem Hin und Her an der Spitze
ohne klare Entscheidung, wer nun Weltmeister ist. Dieser Zirkus kann
so nicht weitergehen. Wir alle hoffen, dass im Verlauf des nächsten
Jahres die WM-Titel endlich wieder vereinigt werden.
Frage: Wen machen Sie für das Durcheinander
verantwortlich? Den Weltverbandspräsidenten Kirsan Iljumschinow
und den Weltranglistenersten Garri Kasparow?
Anand: Ich denke, die Namen liegen auf der Hand. Ich brauche die daher
nicht einzeln zu nennen. Wegen der weltweiten wirtschaftlichen Lage
ist es ohnehin schon schwer genug, Sponsoren zu finden – und dann
gibt’s Leute, die noch drei WM-Finals austragen wollen. Die letzten
drei Jahre waren ein Zirkus! Und das Ergebnis davon ist, dass es keinen
einzigen vermarktbaren Spieler mehr gibt.
Frage: Vor zwei Tagen sprach ich mit Alexej Schirow,
Ihrem künftigen Mannschaftskameraden beim SC Baden-Oos. Er meinte,
dass er sich nicht allzu sehr um das WM-Hickhack kümmere. Für
Sie aber sei es bedauerlich, dass Sie in der derzeitigen Form keine
Chance besäßen, um die Weltmeisterschaft zu spielen.
Anand: Natürlich träumt jeder Sportler davon, um die Weltmeisterschaft
zu spielen. Im Moment spiele ich gut und hoffe, einige weitere Turniere
zu gewinnen. Ich will aber nicht in Superlativen denken, was meine Erfolge
anlangen. Ich hoffe einfach, mein Spiel in noch vielen Bereichen verbessern
zu können.
Frage: Erachten Sie es als Vorteil, dass Sie sich
keine Sorgen um die WM-Austragung machen müssen? Die Involvierten
– Kramnik, Leko, Ponomarjow und Kasparow – spielen nicht
gerade in Bestform. Kostet das ganze WM-Theater die Beteiligten zu viel
Nerven?
Anand: Da müssen Sie die selbst fragen. Die kennen die Gründe
besser.
Frage: Wie sähe ihr Vorschlag zur Titelvereinigung
aus?
Anand: Eine faire Chance für alle auf den WM-Titel wäre ein
guter Anfang. Bis jetzt ist jeder mit Ausnahme von vier Spielern davon
ausgeschlossen. Momentan gibt es zu viele Vorschläge, wie man das
ändern kann – aber keinerlei Bewegung da hin!
Frage: Gelänge endlich die Wiedervereinigung,
wären Sie dann optimistisch gestimmt, was die Zukunft Ihres Denksports
anlangt?
Anand: Auf jeden Fall. Schach profitiert durch die gewaltige Verbreitung
im Internet enorm. Zudem wuchs das Interesse in Ländern wie Indien
und China. Um nun auch noch große, finanziell lukrative Wettbewerbe
zu bekommen, ist die Titelvereinigung am allerwichtigsten.
Frage: Sie erwähnten es gerade selbst: In Ihrer Heimat ist
Schach mittlerweile äußerst populär. Sie wurden erneut
zum Sportler des Jahres gekürt.
Anand: Ja, das Interesse an Schach wuchs in Indien beträchtlich,
es zählt nun zu den Topsportarten. An den internationalen Jugend-Titelkämpfen
nehmen inzwischen viele Inder teil. Das ist ein sicheres Zeichen dafür,
dass Schach auch an den Schulen boomt. Eine „Mind Champions Academy”
wird gerade getestet. Das ist eine Art virtuelles Gymnasium, an dem
Kinder von 2500 Schulen Schach als Hobby mit viel Spaß betreiben
können. Was die Ehrung als Sportler des Jahres anlangt, erhielt
ich diese von der indischen Ausgabe des weltweit bekannten Laureus Sports
Awards. Die Auszeichnung wurde in meiner Heimat erstmals vergeben. Zahlreiche
andere Ehrungen als Sportler des Jahres bekam ich in der Vergangenheit
von Sportmagazinen oder der indischen Regierung.
Frage: Sie nutzen Ihre Besuche auf dem Subkontinent auch immer, um karitative
Einrichtungen zu unterstützen.
Anand: Zusammen mit meinem Sponsor NIIT, dem weltweiten Marktführer
was das Lehren von Informationstechnologie anlangt, helfe ich. Dabei
geht es vor allem darum, Menschen – besonders unterprivilegierten
Kindern – den Umgang mit Computern beizubringen. Der Welt-Computer-Literaturtag
am 2. Dezember ist solch eine Initiative. Wir sind dauerhaft bemüht,
die klaffende digitale Brücke zu schließen. Kürzlich
besuchten meine Frau Aruna und ich in Vidyasagar ein Heim, das geistig
behinderte Kinder betreut. Ich wurde zu ihrem weltweiten Botschafter
ernannt. Wir möchten durch diese Initiative das Bewusstsein zugunsten
geistig behinderter Kinder steigern. Interessant ist dabei, dass viele
dieser Spastiker talentierte Schachspieler sind! Generell nehme ich
mir Zeit für karitative Veranstaltungen. Dabei liegen meiner Frau
und mir Veranstaltungen für Kinder am meisten am Herzen.
Frage: In Mainz fordert Sie Judit Polgar in acht
Schnellschach-Partien heraus. Kann die Ungarin Ihre Siegesserie bei
den Chess Classic stoppen? Zuletzt beim 2:6 gegen Boris Gelfand bekleckerte
sich die 27-Jährige nicht mit Ruhm.
Anand: Wir sind alte Rivalen. Ich spielte einige sehr schöne Partien
gegen sie, beispielsweise 1992 in Roquebrune. Ich muss gegen sie auf
jeden Fall 100 Prozent geben. Boris Gelfand spielte wirklich gut gegen
Judit und verdiente sich den Triumph. Er nutzte alle sich bietenden
Chancen und das gab den Ausschlag. Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt
davon, dass Judit in Mainz ganz anders auftreten wird.
Frage: Die Nummer eins der Frauen-Weltrangliste
machte aber ansonsten in normalen Turnieren gewaltige Fortschritte.
Beispielsweise belegte Judit Polgar in Wijk aan Zee (Niederlande) Platz
zwei hinter Ihnen und blieb ebenfalls ungeschlagen. Erkennen Sie Gründe
für Ihren Aufschwung?
Anand: Sie scheint hart an ihrem Schach zu feilen und ihre gewaltige
Erfahrung tut ein Übriges. Ich denke, momentan bereitet es ihr
richtig Freude, Schach zu spielen.
Frage: Ist das genug, um den weltbesten Schnellschachspieler
in Mainz zu schlagen?
Anand: Ich muss natürlich gut spielen – und der Bessere wird
in Mainz gewinnen.
Frage: In der deutschen Bundesliga spielten Sie
fantastisch und holten 6:1 Punkte am ersten Brett. Ihre Mannschaft aus
Baden-Oos belegte indes nur Platz acht. Werden die Baden-Badener in
der nächsten Saison, verstärkt durch die Weltklassespieler
Alexej Schirow und Francesco Vallejo Pons, stark genug sein, um Meister
Lübeck und den Dauerrivalen Köln-Porz hinter sich zu lassen?
Anand: Die Philosophie des Teams und des Sponsors, Grenke Leasing und
Wolfgang Grenke selbst, sieht langfristige Perspektiven vor. Eines der
Ziele besteht auch darin, badische Talente zu fördern. Eine gelungene
Mischung aus lokalen Größen und internationalen Stars gibt
der Mannschaft ein besonderes Gepräge. Wir haben ein großes
Zusammengehörigkeitsgefühl im Kader entwickelt. Die meisten
von uns sind gute Freunde. Von der Leistung her können wir mit
unserem Bundesliga-Debüt halbwegs zufrieden sein. Natürlich
werden wir nächste Saison nach Höherem streben. Es gibt andere
starke Teams, aber wir haben unser Schicksal selbst in der Hand.
Frage: Sie arbeiteten zeitweise mit Vallejo Pons
zusammen. Hatten Sie Ihre Finger im Spiel, als der Spanier von Emsdetten
nach Baden-Oos wechselte?
Anand: Ich bin Schachspieler und nicht sein Manager. Wir sind hier nicht
beim Fußball!
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