Dank Zwillingen zurück in die Weltspitze
Privates Glück verhilft Peter Swidler zu Comeback
Chess960-Match in Mainz gegen Peter Leko
Peter Swidler ist einer der originellsten Großmeister
im Schach-Zirkus – auf dem Brett wie abseits davon. Hier wie dort
sind seine Kommentare einfallsreich und launisch. Als dreifacher russischer
Meister schien der St. Petersburger Ende des vergangenen Jahrtausends
durchaus das Talent zu besitzen, in die Phalanx der Anand, Kasparow
und Kramnik einbrechen zu können. Doch Swidler stürzte ab
und kehrte erst in der Juli-Weltrangliste wieder in die Top Ten zurück.
Hartmut Metz sprach mit dem 27-Jährigen, der bei den Chess Classic
Mainz (13. bis 17. August in der Rheingoldhalle) gegen WM-Finalist Peter
Leko (Ungarn) ein Match im Chess960 austrägt.
Frage: Herr Swidler, 1999 waren Sie bereits mit 2713
Elo die Nummer acht auf dem Globus. Danach erlebten Sie einen Rückschlag
und erholten sich erst jetzt mit der persönlichen Bestleistung
von 2723. Woran lag’s?
Peter Swidler: Ich brauchte in der Tat eine Weile. So wie es aussieht,
gelingt es mir dieses Jahr endlich wieder, anständiges Schach zu
spielen. Ich denke, es hilft einem viel. im Leben, abseits des Schachbretts
zufrieden zu sein.
Frage: Sie beziehen sich auf Ihre Scheidung? Im vergangenen
Jahr bekam Ihre zweite Ehefrau kurz vor den Chess Classic Mainz Zwillinge
– prompt gewannen Sie das Chess960-Turnier.
Swidler: Ich bevorzuge es, nicht viele Worte über mein Privatleben
zu verlieren. Aber ich muss gestehen, Vaterschaft ist ein fantastisches
Gefühl. Ich genieße jede Minute dieser Rolle. Leider geht
das nur, wenn ich zu Hause bin – und die letzten sechs Monate
war das bedauerlicherweise allzu selten der Fall. Aus schachlicher Sicht
hatten die vielen Engagements aber natürlich auch ihr Gutes.
Frage: Mit dem Open-Sieg beim Chess960 begann Ihr Comeback.
Hat die Schachvariante mit Auslosung der Grundstellung Ihren Geist inspiriert,
unkonventioneller zu denken?
Swidler: Das wäre zu viel gesagt. Ich denke, mein Comeback begann
mit der Geburt meiner Kinder. Inwieweit Chess960 mein Denken beeinflusste,
kann ich nicht sagen. Bisher spielte ich zu wenig Chess960, um ernsthafte
Schlüsse daraus ziehen zu können. Sicher kann es aber helfen,
Intuition und taktische Wachsamkeit zu stärken, weil man sich nicht
mehr auf sein Wissen verlassen kann. In jeder Partie musst du dabei
improvisieren.
Frage: Um die Improvisationskunst zu reduzieren, streben
die meisten Spieler gewohnte Stellungsbilder an.
Swidler: Ja, normale Stellungen kommen nahezu in jeder Begegnung zu
Stande – spätestens im Endspiel. Was ich im Vorjahr zu umgehen
versuchte, waren symmetrische Stellungen mit Schwarz, um so viel Spaß
wie möglich zu haben. Aber das erklärt vielleicht auch, warum
am ersten Tag all meine fünf Partien von Weiß gewonnen wurden
...
Frage: Welcher Unterschied ist Ihrer Ansicht nach am
gravierendsten zwischen beiden Schacharten?
Swidler: Natürlich fehlt die Eröffnungstheorie. Einige der
Startaufstellungen sind viel besser für Weiß – aber
manche scheinen mir auch völlig ausgeglichen zu sein. Deshalb gehört
eine Portion Auslosungsglück dazu, welche Position man zu Beginn
bekommt.
Frage: Sie gelten als einer der einfallsreichsten Großmeister.
Kommt Ihnen dieser Vorzug im Chess960 besonders zugute?
Swidler: Bisher habe ich in nur einem Chess960-Turnier gut gespielt,
so dass es zu früh für die Behauptung ist, ich hätte
gegenüber irgendjemandem riesige Vorteile. Aber ich liebe es in
der Tat, am Brett kreativ zu sein – und Chess960 bietet mir viele
Gelegenheiten dafür.
Frage: Peter Leko schlug im ersten inoffiziellen WM-Match
in Mainz Michael Adams. Welches Resultat erwarten Sie im Chess960-Duell
mit dem ungarischen Weltranglistenvierten?
Swidler: Ich hoffe auf ein enges, interessantes Match. Peter muss als
Favorit gelten: Er ist in der Form seines Lebens und ein sehr kreativer
Spieler, der sich auf neue Herausforderungen freut. Er ist nicht umsonst
mehrfacher Janus-Weltmeister (Anmerkung: Eine weitere Schachvariante,
bei der das Brett 8x10 Felder umfasst und zwei Figuren, die wie Springer
und Läufer ziehen dürfen, der Janus, die Möglichkeiten
erweitern).
Frage: Trauen Sie sich zu, in die Top 5 oder gar Top
3 vorzustoßen?
Swidler: Ich stecke mir keine konkreten Ziele – besonders derzeit
nicht, wenn keiner weiß, wie es in der Schachwelt weitergeht.
Ich versuche mein Spiel zu verbessern und warte ab, wie weit ich damit
komme.
Frage: Ihr neuer Mannschaftskamerad beim Bundesligisten
Baden-Oos, Alexej Schirow, liegt einen Platz vor Ihnen. Bis auf Platz
vier hängen alle dicht beisammen. Welche Unterschiede sehen Sie
zwischen ihm, Peter Leko und Ihnen? Oder gar zu den großen Drei,
Anand, Kramnik und Kasparow?
Swidler: Der Hauptunterschied besteht in der Konstanz, würde ich
sagen. Ich habe gegen alle eine passable Bilanz, aber ich muss mehr
Schwankungen als sie hinnehmen. Die Stile zu vergleichen, scheint mir
unmöglich. Du kannst nicht in die Top Ten gelangen, ohne ein universeller
Spieler zu sein. Alexej wird als stärkster Angreifer seiner Generation
gehandelt – in manchen Jahren hätte er jedoch mehr Punkte
gesammelt, wenn er ein exzellenter Endspiel-Kenner wäre. Die Klischees
sind alle relativ.
Frage: Im vergangenen Jahr fehlten Baden-Oos hinter
der Spitze Anand, Swidler und Michal Krasenkow ein paar Killer, um Meister
Lübeck und Köln-Porz anzugreifen. Ist Ihr deutscher Verein
nun mit Schirow und dem Spanier Francisco Vallejo Pons stark genug für
den Titel?
Swidler: Wir hatten mit Spitzenspieler Viswanathan Anand nur einen Killer.
Unser Problem bestand jedoch in den Brettern weiter hinten. Mit Alexej
und Francisco besitzen wir eine längere Bank. Auch die jungen Burschen
wie Fabian Döttling, Andreas Schenk und andere haben nun mehr Erfahrung
als im Aufstiegsjahr. Den Titel zu holen, ist nicht leicht – aber
wenn wir die Schlüsselspiele gewinnen, warum nicht?
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