"Swidler braucht das Geld nötiger"Phänomenaler Schlussspurt beschert Russen Platz eins im Chess960-OpenVon Hartmut Metz
Vor der Schlussrunde standen mit ihm, Viktor Bologan und Vadim Milov
drei Spieler mit 8:2 Punkten zu Buche. Letztere beiden Großmeister
waren im zehnten Durchgang aufeinander getroffen. Der Moldawier, der
in Sewastopol lebt, fügte dabei dem Wahl-Schweizer die erste Niederlage
bei. Mit sieben Siegen und zwei Unentschieden hatte Milov bis dahin
wie der sichere Sieger gewirkt. Doch auch in der Schlussrunde unterlag
der künftige Spieler von Zweitligist Weiße Dame Borbeck gegen seinen
neuen Mannschaftskameraden Daniel Fridman. Der Lette überflügelte
ihn hierdurch noch und belegte mit 8,5 Zählern Platz drei hauchdünn
hinter dem russischen Meister Alexander Motilew (beide 52 Punktsumme).
Der von ihm bezwungene Milov führte den Pulk jener Akteure mit acht
Punkten an. Dahinter folgen Klaus Bischoff, der bester Deutscher wurde,
und Leonid Milow, der zusammen mit Viesturs Meijers (20. mit 7,5 Punkten)
als einziger IM in die Phalanx der GM eindringen konnte. Es ist wie
beim Tischtennis, bei dem die Besten auch lamentierten, als der Zelluloidball
von 38 auf 40 Millimeter Durchmesser vergrößert wurde: An den Kräfteverhältnissen
änderte sich dadurch gar nichts. Beim Chess960 fanden sich unter den
ersten 32 30 Großmeister!
In der siebten Runde gab es Schwierigkeiten bei der Auslosung. Das letzte Ergebnis, ein Remis zwischen Henrik Teske und Viktor Bologan, wurde zugunsten des Deutschen eingetragen. Deshalb wurde er "hochgelost" und sollte gegen Konstantin Asejew spielen. "Der ist zu stark", erklärte Teske und forderte eine neue, korrekte Auslosung. Dem gab die Turnierleitung natürlich statt. Pech allerdings für den Großmeister des TV Tegernsee - er kam gegen die Nummer eins der Setzliste, Peter Swidler. Der Weltranglisten-14. nutzte einen Patzer, um gegen "Rambo" Teske in nicht einmal 25 Zügen zu gewinnen ... Asejew geriet in der zehnten Runde zu einem der Protagonisten, diesmal in tragischerer Rolle: In einer Seeschlange gegen den sehr starken FM Witali Kunin, der Mörlenbacher weist 2459 Elo auf, erkämpfte der Russe ein aussichtsreiches Damen-Endspiel. In schätzungsweise 50 bis 60 Zügen war der einzige verbliebene Bauer immerhin schon von d5 bis nach d3 vorgedrungen. Weil beide Seiten zu ihren 20 Minuten pro Zug stets weitere fünf Sekunden erhielten, hätte die Partie durchaus bis an die 200 Züge dauern können. Mal ließen die Kontrahenten ihre Zeit bis auf zehn Sekunden nach unten ticken, mal bauten sie ihr Zeitpolster durch ein paar schnelle Schachs wieder bis auf eine Minute aus. Als Asejew in besagter obiger Stellung überlegte, wie er den Bauern nach d2 vordrücken könnte - der weiße Monarch versteckte sich derweil im entlegensten Winkel im Dreieck a7/a8/b8 - rauschte die Digitaluhr erneut nach unten. 30 Sekunden, 20 Sekunden, 15 Sekunden, 12 Sekunden, 10 Sekunden, acht Sekunden, sieben, sechs, fünf, vier - Asejew machte noch immer keine Anstalten zu ziehen -, drei, zwei - Asejew zog noch immer nicht -, eins, die Hand fuhr rasend schnell aus, flog übers Brett und auf die Uhr - doch zu spät. Die Anzeige vermerkte "-0,00" und geht auch unbarmherzig nicht mehr hoch, wenn sie erst dort anlangte. Mit versteinerter Miene gratulierte der trotzdem faire Russe seinem "Bezwinger" Kunin. Was in ihm vorging, war nicht zu erfahren. Angesichts der Augen konnte der Betrachter aber trotz des beherrschten Mienenspiels erahnen, welche Höllenqualen Asejew innerlich erlitt. Das Preisgeld war endgültig verloren. Kunin wurde nach einer Niederlage gegen Andrej Kharlow mit 6,5 Zählern 34., dass Asejew mit einem Schlussrunden-Erfolg über Alexander Possajennikow als 31. dank der besseren Punktsumme vorbeizog, blieb ein wertloser wie schwacher Trost. Keiner der 131 Teilnehmer blieb ungeschlagen! Das unterstreicht die extrem niedrige Remisquote. In den 110 Partien der Top 10 gab es nur 24 Punkteteilungen! Mit vier Unentschieden zählt man schon zu den "Remiskönigen". Chess960 verspricht also zumindest mehr Entscheidungen als herkömmliches Schach. Wie schon 24 Stunden zuvor Ruslan Ponomarjow verfolgte Alexandra Kostenjuk die Szenerie gespannt. Mit ihrem französischen Manager Diego F. Garces tauschte sie auf Russisch die Möglichkeiten aus, wie man sich in der Stellung am besten entwickelt. Trotz eines gewissen Interesses an Chess960 erklärte die Vizeweltmeisterin: "Für mich ist das noch nichts. Das ist zu kompliziert", winkte die Grazie ab.
Rustem Dautov (7,5), der auf Platz zehn landete, hält die neue Schachvariante
für "amüsant und eine Bereicherung der Chess Classic. Alles in allem
hat mir das Turnier gefallen. Schachkenntnisse spielen keine so große
Rolle wie normal. Außerdem kommt es noch mehr auf die Tagesform an.
Das sieht man an Swidler. Gestern spielte er schlecht, heute sehr
gut", urteilte der Großmeister über seinen Mannschaftskameraden bei
Bundesliga-Aufsteiger SC Baden-Oos. Vadim Milov glaubt hingegen durchaus
an Zusammenhänge in beiden Schachvarianten, wenn er mit Blick auf
seine letzte Partie darauf verweist, "dass ich unbedingt gewinnen
wollte. Ich hatte schließlich Weiß, und mein Gegner ist elomäßig schlechter".
Ungeachtet des verpassten Turniersieges stufte der Viertplatzierte
sein Spiel als "eigentlich sehr gut ein, vor allem gegen Motilew und
Kiril Georgiew". Blitzspezialist Klaus Bischoff erweist sich einmal
mehr als Pragmatiker in Reinkultur. Zur Eröffnung im Chess960 befand
er: "Es ist wie im normalen Schach: Die Figuren stehen auf der Grundreihe
und man muss sie rausziehen." Obwohl Bischoff am Vorabend seine Brille
kaputt ging - sie fiel auf den Boden und ein Glas (3,5 Dioptrien)
wurde zerstört - hatte er keine "Überseher" in seinen Partien und
wurde bester Deutscher. Nur mit der Rochade sieht der Spieler von
König Plauen Schwierigkeiten. "Die wird manchmal falsch eingeschätzt.
Einmal hatte mein Gegner Angriffschancen. Mit einer kurzen Rochade
von d8 nach g8 beförderte ich aber einfach meinen König aus der Gefahrenzone",
lächelte der Schwabe verschmitzt, "außerdem rochierte ich einmal zum
Damenflügel und konnte dadurch gleichzeitig meine Türme verdoppeln.
Das war sehr angenehm. Im normalen Schach schafft man das nicht."
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